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Jede Stunde Landen 700 Tonnen Müll in unseren Meeren. Inzwischen bilden Milliarden Plastikteile im Pazifik einen Müllteppich von der Größe Westeuropas. Jetzt wollen Forscher mit einem gigantischen Projekt die Ozeane und ihre Bewohner vor dem Erstickungstod retten. 

Plastik statt Plankton
Billionen von mikroskopisch kleinen Lebewesen bilden die Nahrungsgrundlage der Ozeane. Mittlerweile wird das Plankton jedoch von Millionen Tonnen winzigen zersetzten Plastikteilen verdrängt. In manchen Meeresregionen kommen auf ein Kilo Plankton 46 Kilo Kunststoff.
Von den 200 Millionen Tonnen Plastik, die der Mensch im Jahr produziert, landen 10 % im Meer. Sie sammeln sich in Meeresstrudeln. Der größte, der Great Pacific Garbage Patch, hat eine Fläche die 3-mal so groß ist wie Spanien und Portugal zusammen. Die Fläche beträgt 1 760 000 Quadratkilometer.

Charles Moore ist bereits seit Tagen mit seiner Segeljacht in den endlosen Weiten des Nordpazifiks unterwegs, da bemerkt er plötzlich ein seltsames Glänzen an der Wasseroberfläche. Als er näher heranfährt, erkennt er die Überreste einer silbernen Chipstüte. Moore kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, immerhin ist er 2000 Kilometer vom nächsten Festland entfernt. Einige Dutzend Seemeilen weiter östlich ist das Lächeln längst aus seinem Gesicht verschwunden, stattdessen starrt er fassungslos auf die wogen des Pazifiks. Seit Stunden pflügen Moore und seine Creew nun schon durch einen bunten Teppich aus Plastikflaschen, Einkaufstüten, Kinderspielzeug, Zigarettenstummeln, Zahnpastatuben und Tausenden anderen winzigen Abfallteilchen. Was der US-Amerikaner nicht ahnt: Er fährt gerade direkt durch die größte Müllansammlung des Planeten. Ein Kontinent, bestehend aus Millionen Tonnen Plastik, dessen wahre Ausmaße erst durch seine Entdeckung bekannt werden…

Wie viel Plastik schwimmt in einem Liter Wasser?
Die wahre Dimension des Müllkontinents im Pazifischen Ozean wird Charles Moore erst bewusst, als er mit einem Team von Biologen, Chemikern und Ozeanologen die Region gezielt auf Plastikrückstände untersucht. “Was wir bei unserem Segeltrip gesehen haben, war nur die spitze des Eisbergs”, erklärt der Abenteurer und Forscher. Tatsächlich finden die Wissenschaftler auf einer Fläche so groß wie Westeuropa unzählige Plastikteile, von denen nur ein Bruchteil auf der Wasseroberfläche schwimmt. Der Großteil des Mülls wabert, zersetzt in mikroskopisch kleine Partikel, zehn bin 30 Meter unter der Oberfläche. Die Forscher schätzen, dass im Müllkontinent des nördlichen Pazifiks, dem sogenannten Great Pacific Garbage Patch, heute pro Quadratkilometer eine Million Kunststoffteilchen mit einem Gesamtgewicht von 100 Millionen Tonnen schwimmen, alsoein Teil pro Quadratkilometer. Ganz genau weiß das jedoch niemand, denn di meisten Plastikteile sind so klein, dass sie auf Satellitenfotos schlichtweg nicht zu erkennen sind. Fest steht allerdings mittlerweile: “Die Menge ist inzwischen so enorm, dass auf ein Kilo Plankton, dem wichtigsten Nährstoff der Ozeane, 46 Kilo Plastik kommen”, sagt Charles Moore. Aber warum kommt es gerade hier zu einer so großen Müllansammlung? Verantwortlich dafür sind die Meeresströmungen. Sie bilden in dieser Region einen gigantischen Strudel, den North Pacific Gyre. “Jedes in den Pazifik eingeleitete Plastikteil, ganz gleich ob vom Land oder von einem Schiff, landet hier und bleibt auch hier”, erklärt Moore. Und das hat Folgen, für die Meeresbewohner und den Menschen.

Verlockende Falle
273 Plastikteile fanden Forscher im Magen dieses Verendeten Albatrosses. Seevögel halten den Müll für Futter. Sie verwechseln die Kuststoffstückchen mit Plankton, Seegras und Fischen. Am Ende steht ihnen ein qualvoller Tod durch Verhungern bevor, obwohl ihr Magen voll ist. Doch die giftigen Kunststoffe lassen der Nahrung keinen Platz mehr. Andere Tiere verheddern sich im Müll oder bleiben der Nahrungssuche mit dem Kopf in Verpackungen stecken.


In unserem Blut fließt Plastik

Durch die Luft, über die Haut und vor allem über die Nahrung nehmen die Menschen mehr Plastik denn je auf. Studien deuten drauf hin, dass Krebserkrankungen, Fettleibigkeit und Unfruchtbarkeit darauf zurückzuführen sind.

Der Blick in den Einkaufswagen zeigt: Mutter Erde ist in den vergangenen 60 Jahren zu einem Plastik-Planeten verkommen. Der Salat im Supermarkt ist hygienisch sauber abgepackt, der Käse in beschichtetes Papier eingewickelt. Der Joghurt ruht in kleinen Bechern und das Mineralwasser ist in PET-Flaschen abgefüllt.

80 Prozent der im Supermarkt verfügbaren Waren kommt mittlerweile mit Plastik in Kontakt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben Kunststoffe einen regelrechten Siegeszug hingelegt. Die Industrie schätzt das Material als stabil, leicht und individuell einsetzbar. Schon bei niedrigen Temperaturen lässt sich Plastik formen. Die Herstellung der Verpackungen ist entsprechend kostengünstig.

Weit über 250 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich weltweit produziert, 65 Millionen davon allein in Deutschland. Entsprechend häufen sich die Müllberge. Inzwischen gibt es sechs Mal mehr Plastik als Plankton im Meer. Und selbst vor dem menschlichen Körper macht das Material nicht halt. Studien haben gezeigt, dass in unserem Blut und Urin mittlerweile Bestandteile von Plastik schwimmen.

Plastinierte Menschen

„Die Menschen in den industrialisierten Staaten sind mittlerweile zu über 90 Prozent chronisch mit Bisphenol A (BPA) belastet, also sozusagen ‚plastiniert‘“, sagt Dieter Swandulla, Institutsdirektor der Physiologie II an der Universität Bonn. „In nahezu jeder Urinprobe lassen sich nennenswerte Konzentrationen von BPA nachweisen.“ Bisphenol A gilt als besonders gesundheitsschädlich. „Dabei handelt es sich um ein synthetisches Hormon, das östrogene Wirkung hat. Man hat herausgefunden, dass seine Aufnahme zu Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen führen kann“, erklärt Swandulla.

Eingang in das Plastik erhält BPA durch den chemischen Prozess, der kleine Erdöl- oder Erdgas-Moleküle in eine lange Molekülkette verwandelt. Dabei fügt die Industrie in der Regel bestimmte Stoffe (Monomere) hinzu, die das Material besonders hart machen soll. „Bisphenol A ist so ein Monomer, das für Polykarbonat und Epoxidharze als Ausgangsprodukt dient“, sagt Swandulla.

Ohne BPA wäre Hartplastik nicht denkbar. Es ist die meistproduzierte Chemikalie der Welt. Sie kommt in vielen Alltagsprodukten, wie Konservendosen, CDs, Autoarmaturen, Zahnfüllungen, Spritzen und Spielzeug vor. Außerdem findet sich der Stoff auf Thermopapier, aus dem zum Beispiel Kassenzettel oder Zugtickets gedruckt werden. Und über all diese Produkte findet er seinen Weg in unsere Körper.

„Das BPA ist sehr gut fettlöslich. In den Körper gelangt es sowohl über die Nahrung, als auch über die Haut. Es kann sogar mit dem Hausstaub über die Atmung in unseren Körper gelangen“, so Swandulla. Neueste Untersuchungen zeigen, dass es vor allem sehr gut über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Und das bleibt nicht ohne Folgen.

http://www.handelsblatt.com/technologie/das-technologie-update/healthcare/bisphenol-a-wie-krank-bisphenol-a-macht/9012072-2.html

http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/plastik-im-blut

http://www.rp-online.de/kultur/film/plastik-im-blut-aid-1.2009976

http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2013/0702/002_muell_gefaehrliches_plastik_im_meer.jsp

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